Baths - Lovely Bloodflow
Will Wiesenfeld könnte auch der Name einer Figur aus einer dieser überdrehten amerikanischen Cartoon-Serien sein. Mit hinterlistigem Witz ausgestattet und genug Ideen, um aus dem schnöden Vorort-Leben einen wahren Abenteuerspielplatz zu machen. Dort werden dann dann tollkühne Mutproben bestanden, mit Masken kleine Kinder erschreckt und abseitige Trendsportarten gehören zum aufregenden Alltag. Während die Langeweile danieder liegt, mischt sich jedoch eine melancholische Stimmung ins Geschehen – denn der Zuschauer weiß bei jeder Kamera-Einstellung: Im wahren Leben sind das nur bunte Spinnereien, nur ausgedehnte Tagträume. Gediehen irgendwo am tristen Rand einer Metropole in den USA, bevölkert von weißen Mittelschichts-Teenagern in Durchschnittshäusern, deren BBQ-Hunger ihnen auf den Rippen hängt. Der echte Will Wiesenfeld ist Anfang 20 und stammt aus Chatsworth. Das einzige Gute an Chatsworth ist, dass die City von Los Angeles nur 30 Kilometer entfernt ist. Und natürlich, dass Kevin Spacey kurzfristig die lokale High School besucht hat und sogar Xzibit, Kevin Federline und Marilyn Manson irgendwo dort am Rande der Cali Hills zeitlebens mal eine Behausung hatten. So etwas schafft Identität und gaukelt ein wenig Relevanz vor. Will macht das Beste draus: Er macht Musik. In seinem Fall spiegelt diese die Zerrissenheit seiner Generation wider; einer Welt, in der Trends schon wieder vorbei sind, bevor man sie entdeckt hat. So klingt auf seinem Debütalbum „Cerulean“ auch jeder Song ein wenig anders als sein Vorgänger, grenzt sich ab und driftet sachte in andere unbestimmte Richtungen. Baths macht Intelligenzija-Beat-Hop und verbandelt Mucker-Klänge aus den Tiefen seines ultraschicken Laptops mit allem, was gerade so angesagt ist: Ätherischer Hall, verwaschene Vocals, und stolpernder Pop. Er arbeitet mit Samples und Texturen, klebt mit digitalem Pattex die kleinteiligen Entwürfe aneinander und schachtelt sie zu Loops oder krudem Leerlauf. Songs sind bei ihm eigentlich nicht Songs, sondern Chiffren. Annäherungen an das, was möglich gewesen wäre, hätte er sie ausformuliert und in konventionelle Formen gegossen. Dafür, dass er das aber nicht getan hat, gebührt im Respekt, denn so entfalten seine Tracks die volle Wirksamkeit erst nach und nach, Schicht für Schicht und danken es mit Langzeitwirkung. Unsere Zukunftsmusik „Lovely Bloodflow“ pumpt gemütlich knatternd voran, scheint dabei aber kurz vor einer Herzattacke zu stehen. Aber nach Millischrecksekunden geht es doch noch stolpernd weiter, mit freischwebenden Texturen und einem easy Piano, das mit Raffinesse eingeflochten wird. Letztes Jahr gelang Bibio ein ähnlicher Streich: Eine Leftfield-Produktion zwischen Laptop und Folk, zwischen Fluff und Schönheit in sonnengebranntem Umbra. Baths schließt fast nahtlos an diese Art des Musizierens an, die sich im Skizzenhaften gefällt und darin eine Perfektion erlangt, die locker weit über den Sommer trägt. Die Nähe zu den Brainfeeder-Produzenten Flying Lotus oder Gaslamp Killah ist dabei nicht nur geographischer Art. Jedoch, so scharfkantig, futuristisch und fordernd wie bei den anderen L.A.-Beatmachern sind seine Entwürfe nicht, wobei der ein oder andere digitale Kniff sicherlich abgeschaut wurde. (mw) "Lovely Bloodflow" erscheint Anfang Juli und entstammt dem Album "Cerulean", was euch hochgradig empfohlen ist. Künstler: Baths | Label: Anticon | Album-Rezension: hier

RÜCKSCHAU

KW 15/2024
Morgan Harper-Jones Lose A Tooth
KW 11/2024
Thérèse No Right Time
KW 10/2024
Die neue Zärtlichkeit STRG+ALT+ENTF
KW 07/2024
MAIKA Little Lizard
KW 04/2024
Edgar Homeros Please Be Careful

ARCHIV

WOCHE Künstler/Band NAME DES ALBUMS/SONGS MUSIKLABEL
KW 08/2018 Ramzi Mele Heya 1080p
KW 07/2018 YUNGBLUD King Charles Universal
KW 05/2018 Drens Wilhelm Be Gone Odyssey Music
KW 04/2018 CupcakKe Cartoons self-released
KW 03/2018 Famous Dex Pick It Up (feat. A$AP Rocky) 300 Entertainment
KW 02/2018 Kilnamana Adios Amigo Jirafa Records
KW 01/2018 Hater Rest PNKSLM Recordings
KW 52/2017 Zukunftsmusik des Jahres 2017 eldoradio*
KW 51/2017 Deem Spencer birds bees self
KW 50/2017 Telquist If The Bomb Wohnzimmer Records