The War On Drugs - – Taking The Farm
Zuerst versucht man sie zu fangen. Man greift ins Leere. Auf Zehenspitzen, im Sprung, auf Knien, öffnet man die Hände und versucht sie in diesem einen, unbestimmbaren Moment zu schließen. Aber es gelingt nicht. Man beschließt zu warten. Geduldig lässt man sie an der Wand, auf dem Tisch oder dem Computerbildschirm landen. Man nähert sich in Geschwindigkeiten, für die ein Mensch nun mal nicht gemacht ist. Und greift, schlägt, schnippt, ohne Rücksicht auf den Untergrund oder den körpereigenen Obergrund. Wieder entwischt sie. Und diesmal tut es weh. Man gibt’s auf. Man muss sich versöhnen, damit leben. Nach Möglichkeit das kaum wahrnehmbare Kitzeln genießen, wenn sie sich auf dem Arm niederlässt und sich einen Weg durch die Haare darauf bahnt. Man muss auch das lauter und leiser werdende Summen lieben lernen. Denn dann ist da eine Melodie im hoch frequentierten Flügelschlag. Dann ist das plötzlich ein verblüffender Stereo-Effekt, wenn sie eine weitere Runde um Kopf und Ohren dreht. Dann braucht man sie nicht länger mit Händen greifen, dann hat man ihre Existenz begriffen, sie zumindest für sich angemessen definiert. „The War On Drugs“, eine Handvoll Dylan-Fans aus Philadelphia, USA, haben einen Song geschrieben, der ist nicht greifbar. Wie eine Fliege. Und auch sie haben das Handwerkszeug für ihre Kunst nicht erfunden, benutzen dieses aber in ähnlich effektiver Form. Dieses Handwerkszeug ist nicht mal spektakulär. Nicht mal innovativ. Aber es kann in dieser Zusammenstellung das Leben für exakt abgewogene 4 Minuten einnehmen. Wo man sich bei der Fliege noch zwingen muss, zwingt einen „Taking The Farm“ sich beim Versuch diesen Song zu greifen, in ihn zu verlieben. Es mag an den schrägen, verschwommenen, unruhig flackernden Gitarren liegen, die zwischen wuchtigen, scheppernden Drums und ausdauerndem Tambourin hindurch scheinen, blenden, den Blick aufs Detail bewusst verbieten und ein farbenfrohes Schatten- und Lichtspiel bieten. Wie eine Fliege auf dem Lampenschirm. Und ebenso furchtlos. Der großartige, immer wieder bei folkigem Johlen aus dem Ruder laufende Gesang, treibt sonst den Song mit schnellen Silben und bedingungsloser Überzeugung an. Aus welcher Ecke das hier nun kommt, ist bei aller Leuchtkraft nur zu erahnen. Am Feuer wärmen sich Folk-Heroen und Shoegazer-Pioniere, stimmen gemeinsam dieses Lied an, das heute wohl mit dem letzten Flügelschlag schlicht im Indie-Pop landet. Aber viel interessanter waren dann doch die vorhergegangenen Kapriolen, Loopings und Kurven, die es in der Luft beschrieben hat. (Sven Riehle) Künstler: [http://www.thewarondrugs.net/,The War On Drugs] | Label: [http://www.secretlycanadian.com, Secretly Canadian]

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