Balam Acab - Motion
Es ist die Idee der Schönheit im Unperfekten, die Balam Acab zelebriert. Getaucht in eine Atmosphäre des Unwirklichen. Seit letztem Jahr nennt man das bekanntermaßen Witch House, wobei „Motion“ mehr in den dunklen Untiefen zu zerfließen scheint und nicht so monumental und intensiv wie die Werke von Salem daherkommt oder so humpelnd und r’n’b-mäßig wie die Entwürfe von How To Dress Well. Die Herangehensweise ist bei allen Dreien jedoch konzeptionell ähnlich, die Klangentwürfe deswegen auch nicht mehr so spektakulär neu wie seine ersten Gehversuche, die bereits 2010 für anerkennendes Schulterklopfen seitens der Musikkritik gesorgt haben. Nun werden diese Details sogar noch kleinteiliger verästelt: Fetzenförmige Miniatur-Loops und Laut/Leise-Verschiebungen bilden dabei die Grundlage für die Effektivität seines Schaffens. Beats werden entschleunigt, Stimmen gepitcht, bis hinterher niemand mehr genau weiß, was genau der Ursprungszustand war und man diesen Prozesszustand des Veränderten als gegeben hinnimmt. Wie soll man auch den Überblick behalten? Wahrscheinlich weiß Alec Koone, der Mann hinter diesem Projekt, selbst gar nicht mehr genau, welche Transformationen seine Töne hinter sich haben. Tonnen von digitalem Unrat und Klimbim destilliert er akribisch aus dem Internet. Tonfolgen, die er auf dem Laptop notdürftig verbeult, mit simplen Akkordfolgen aus dem Klavier verziert und Beats dazu addiert, denen er vorher den Akku rausschraubt. Wenn das Ergebnis noch zu freundlich und nahbar klingt, wird mit literweise Regen aus Gießkannen nachgeholfen und für die stimmige mysteriöse Optik gleich noch das Licht ausgeknipst. So klingen Titel wie das irisierende „Motion“ gänzlich entrückt und melancholisch. Das Dunkle bahnt sich seinen Weg durch Rausch und Rauschen, für einen Funken Hoffnung bleibt aber in jedem Song noch genug Platz. Beängstigend wird es nie. Der permanente Hall ist ausschlaggebend dafür, dass sich hier immer auch eine spezielle räumliche Dimension entfaltet. Man denkt an urbane Ruinen, düstere Katakomben, leerstehende Häuser und Industrieanlagen. Es ist die Ästhetik des Verfalls, die anscheinend magnetisch auf Alec Koon wirkt. Der versucht, dem toten Baustoff mit seiner Musik wieder Leben einzuhauen. Ein Leben jedoch, das postapokalyptische Züge trägt: Ein schemenhafter Nachhall des Lebendigen, eine geisterhafte Ahnung, die an den Wänden des Schattenreiches widerhallt. Dazu die Stimmen! Der Gesang ist fratzenhaft geformt, ist oft bloße Erinnerung an die Stimmen und Menschen dahinter. Manchmal klingt das wie Disney-Filme aus den 40er Jahren, die, auf zerkratztes Celluloid gebannt, entmenschlichte Züge tragen. Worte werden zunehmend unwichtig, sind nur bloßer Träger von Emotion und Baustein der Atmosphäre, die die Düsternis magisch an sich saugt. Nur die Tiefenbässe verharren hier in der Form des Physischen, alles andere ergießt sich melancholisch und scheinbar außerhalb unserer Zeit ins Körperlose. Manch einer mag an dieser Stelle den Klängen eine spirituelle Dimension attestieren und liegt sicherlich damit nicht ganz falsch. (mw) Das Debüt "Wander/Wonder" ist seit Freitag erhältlich Laden: "Motion" | Facebook: Balam Acab

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