Cover: Seven Davis Jr - Universes

Ende letzten Jahres brachte ein Mann, dessen Hüftknochen wir noch gut in Erinnerung hatten, den Soul zurück in die ambitionierten, hippen und szenigen Köpfe des Musikbuisness: D’Angelo brachte 15 Jahre, nachdem er sich halbnackt auf MTV und den Fernsehbildschirmen deutscher Wohnzimmer hin und her gedreht hatte wieder eine Platte raus. Aber in diesen 15 hat sich der Soul auch ohne ihn wunderbar weitergedreht. Einer, der in der Zwischenzeit weiter ausgetestet hat, welche Grenzen dieses Genres sich noch so sprengen lassen ist Seven Davis Jr. Jetzt ist sein erstes Album raus. Und das kann Dank seiner Entdeckungsfreude und dem unendlichen Spieltrieb  D’Angelos „Black Messiah“  locker links liegen lassen.

Als D’Angelo zur Jahrtausendwende verschwand, ist Seven gerade 19 Jahre alt. Geboren im tiefsten Texas, aufgewachsen in Nord-Californien und  geprägt von seiner Kindheit mit Michael Jackson, Prince, Stevie Wonder und Aretha Franklin ist Sevens Stimme längst die eines professionellen Gospel- und Jazz-Sängers. Er ist ständig auf der Suche nach neuen Klängen, hat bereits Inspiration bei Portishead bis Björk gefunden und taucht allmählich in die Club-Szene ab. House-Beats, Jungle-Töne und chemische Drogen aus San Franciscos Nachtleben umhüllen Seven sobald die Sonne untergeht. Immer hat er einen Beat in seinem Kopf, einen Sound, manchmal behält er ihn, schreibt ihn auf, spielt ihn ein und wenn er ihn abhört, dann hasst er ihn vielleicht. Er hebt ihn trotzdem auf, drei Jahre später wird er ihn wiederfinden und auf einmal liebt er diesen Beat.

Zu dieser Zeit klappert er auch Labels ab, versucht sich mit einigen auf einen Sound zu einigen, doch sie halten seinen Sound für verrückt, zu experimentell zu abgedreht. Also bleibt Seven Davis Jr. Auf eigenen wegen, lernt immer wieder Neues, sammelt weiter Ideen und Verbindungen. Nicht ohne Stolz gibt schließlich 14 Jahre später das Label Ninja Tunes bekannt: Wir nehmen da zusammen was auf. Seven hat Unterstützung gefunden, auch vom Produzenten und von da an ständigem Begleiter Kutmah.  Es erscheint die 12‘‘ „Wild Hearts“ und Seven geht das erste Mal außerhalb der USA auf Tour. Mit Erfolg: „There was a group of people singing the songs right in front of my face, which has never happened” sagt er nach einer Show in einem Londoner Nachtclub. “It couldn’t been more perfect.”

Jetzt ist also der erste Long-Player raus, er heißt “Universes” und umarmt tatsächlich mindestens ein gesamtes Universum voll Musik. Seven Davis Jr. schafft es hier Soul, Funk, Ethno-Klänge und House-Beats so ungestüm verschmelzen zu lassen, dass diese völlig unterschiedlichen Welten klingen wie aus einem Guss. Nach souligem Einstieg ist der erste Knaller auf dem Langspieler der Vorab-Track „Sunday Morning“. Eine unruhige Tanz-Nummer, die mit einem isolierten Funk-Beat beginnt, um dann Sevens entspannte Stimme in zügigem Sprechgesang in den Mittelpunkt zu stellen. „I bet you never had a love like this before“ singt er erst einmal, dann direkt nochmal und schließlich ist seine Stimme im Loop, kehrt immer wieder, übernimmt den Beat. In Co-Produktion mit Julio Bashmore zerrt dann der nächste Kracher an den unruhigen Tanzbeinchen. Die zwei haben Daft Punk kurzer Hand ihren Übersmasher-Beat geklaut und schieben den Plattenteller an, während sie kurz davor sind „One More Time“ zu schreien.

Und weil es sogar für einen Seven Davis Jr. Genres gibt, die er noch nicht berührt hat, gibt es auf Universes noch ganz Neues zu entdecken: Mit Flako traut sich Seven an eine extrem entspannte, hintergründige Nummer auf Samba-Beat. „Be A Man“ geht stark in Richtung Ethno-Folk und klingt nach einem Volltreffer. Diesen musikalischen Stern darf die einstige Gospel-Stimme gern noch öfter ansteuern. Hier scheint es noch unentdecktes Leben für sie zu geben.

Was für’s Herz gibt es auf „Universes“ übrigens auch noch. Seven erklärt auf der Platte einer Stimme aus dem All unsere Welt. “Seven, why do Humans fight?” fragt diese durch den Mischer gedrehte Computer-Stimme am Ende des düster bewegenden Tracks „Fighter“. Die Süße Naivität eines Nicht-Erdlings. Seven antwortet: „Yes, computer, that’s a very good question. I don’t know.“ Aber der Computer gibt keine Ruhe „Seven, why do humans not just love each other and not fight?”. Statt einer Antwort folgt der nächste Track. (np)

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