Misanthrop - Effi Briest
Viel Raum gibt es nicht zwischen Kritik und Anklage. Eine Geschichte ohne Schuldigen nimmt den Antagonisten darin ihren schalen Kontrast. Trotzdem den skeptischen Blick zu wahren, ist ein Seiltänzerakt. In Sternstunden poetischen Realismus gelang er. Theodor Fontane wusste das. Er klagte nicht an. Misanthrop klagt an. Da kennt er nichts. Aber man muss ihm gestatten, um Fontanes Substanz darstellenden Geschicks gewusst zu haben. Der Song „Effi Briest“ war vielleicht keine gezielte Entscheidung gegen seinen ausschweifenden Stil. Eine fremde Hauptrolle aber für seine eigene Geschichte als Metapher zu benutzen, das kann man nur, wenn man sehr genau weiß, worüber man spricht. Daran lässt Misanthrop wenig Zweifel. Die Zahl literarischer Referenzen, die er allein in einem einzigen Song unterbringt, ist beachtlich. Und sie verleihen den Lyrics eine sprachliche Intelligenz, die man im deutschen Rap lange Zeit vermisst hat. Misanthrop fängt bei Süskind an, hangelt sich dann über Tolkien zu Lyman Frank Baum und hört irgendwo bei Franz Kafka auf – ohne ein einziges Mal das Ineinandergreifen zu vergessen, dessen Fehlen die Ovationen als bloße quantitative Aneinanderreihung entlarven würde. Natürlich ist so viel Bildsprache gewöhnungsbedürftig, zumal sie sich bei Misanthrop nicht auf Literatur beschränkt. Sein verdichteter Songtext entwirft sich konsequent selbst erschöpfende Bezüge, die dabei auch noch völlig ohne Zitat auskommen: griechische Mythologie neben Zeichentrickserie und Programmiersprache, extrem spannend umgesetzt, unnachgiebig, manchmal fast aufdringlich, gewaltig und wortgewaltig. Wenn im Refrain dann tatsächlich von Drachen und Harfen die Rede ist, ist das fast schon Lautmalerei. Auch für die Musik gilt: Misanthrop schafft Tatsachen. Das raue Fundament mag ob der dünnen Flächen etwas porös erscheinen, ist in Wirklichkeit aber ziemlich vollständig: Aggressive Kompressoren zermahlen die Beats zu scharfkantigen Brocken. Jedes Betonungsmuster ist körniger Sand im Schuh. Sogar Gitarren sind unter der Oberfläche nicht mehr einfaches Rhythmusinstrument, sondern werden im Kontext selbst zu Schlagwerk. So viel Entschlossenheit beeindruckt. Misanthrop ist hart und direkt. Dabei aber unglaublich klug. (Stephan Kleiber) "Effi Briest" aus dem Album "Leseliste" ist bereits via Leave Music erschienen. Es existiert auch eine Singleauskopplung als 7-Inch-Vinyl. Die Künstlerwebsite bietet den Song kostenlos zum Download an. Künstler: [http://www.misantropolis.de, Misanthrop] | Label: [http://www.leavemusic.de, leave.music]

RÜCKSCHAU

KW 15/2024
Morgan Harper-Jones Lose A Tooth
KW 11/2024
Thérèse No Right Time
KW 10/2024
Die neue Zärtlichkeit STRG+ALT+ENTF
KW 07/2024
MAIKA Little Lizard
KW 04/2024
Edgar Homeros Please Be Careful

ARCHIV

WOCHE Künstler/Band NAME DES ALBUMS/SONGS MUSIKLABEL
KW 49/2017 Xenoula Luna Man Domino Records
KW 47/2017 Xul Zolar Soft Drones Asmara Records
KW 47/2017 Crepes Sexyland Deaf Ambitions
KW 46/2017 Yaeji Drink I'm Sipping On Godmode
KW 45/2017 Kllo Downfall Different Recordings
KW 44/2017 Nilüfer Yanya Baby Luv Blue Flowers Music
KW 43/2017 Princess Nokia Tomboy Rough Trade
KW 42/2017 Otzeki Sun Is Rising Discophorus
KW 41/2017 Rocky Wood White On The Camper Records
KW 40/2017 Corbin Ice Boy Corbin Smidzik