Cover: Young Fathers - White Men Are Black Men Too

Young Fathers möchten nichts und niemand sein. Das machten sie in mehreren Interviews deutlich, die sie nach dem Gewinn des Mercury-Preises 2014 für das Album „DEAD“ führten – übrigens traten sie damit das Erbe von renommierten Bands wie Alt-J oder den Arctic Monkeys an. Der Preis ist einer der sehr wenigen Musikpreise weltweit, die nach künstlerischen Gesichtspunkten verliehen werden und daher umso bedeutender.

Die drei Männer mit Wohnsitz Edinburgh verzogen sich nach einer ausgedehnten Europa – und Amerikatour zunächst einmal nach Berlin, wo man sich als internationaler Künstler heute ganz wunderbar in Luft auflösen kann. In einem zugigen Keller entstanden erste Ideen für neue Tracks. Dass die neue Platte „White Men Are Black Men Too“ mit ihrem Titel nicht provozieren, sondern ganz im Gegenteil eine Debatte über die heute immer noch aktuelle Rassenthematik anregen will, nimmt man den Young Fathers (zwei Schwarze, ein Weißer) uneingeschränkt ab.

So klar wie ihre politischen und teils gesellschaftskritischen Texte auch sein mögen, so unklar ist das musikalische Gebiet, in welchem sich die drei bewegen. Aus Rap-Kunst, mehrstimmigen Pop-Hooks und allem, was den Jungs sonst noch in den Sinn kommt - von afrikanischer Perkussion über Funk bis Trip Hop - entsteht eine Musik, die so frisch und ungewöhnlich klingt, dass es mal wieder Zeit für ein neues Musik-Genre wäre. Am ehesten erinnert dieser Sound noch an TV On The Radio, mit deren Avantgarde-Anspruch und unerschrockener Experimentierfreude sich die Band locker messen kann. Freundlicherweise hat das Trio in weiser Voraussicht Aufklärungsarbeit geleistet und die neue Platte mit einem Aufkleber versehen - „File under: Rock & Pop“. Ob als Witz, Provokation oder tatsächlich als ernst gemeinter Ratschlag gemeint, wird auch nach mehrmaligem Anhören des Albums nicht deutlich.

Orientiert man sich zu Beginn bei „Shame“ noch ein bisschen am „großen Bruder“ TV On The Radio, deren charakteristischen Lo-Fi-Soul hier sehr gelungen adaptiert, entwickelt sich der Song „27“ schon eher in Richtung Mainstream mit seinem leicht daher kommenden Glockenbeat und den poppigen Strophen. Inhaltlich thematisieren die drei 27jährigen, wie könnte es auch anders sein, den berühmten „Forever 27 Club“, dem Musikgrößen wie Kurt Cobain, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse angehören.

Dass man sich über ein zu frühes Ableben der Schotten aber keine großen Sorgen machen muss, beweisen direkt im Anschluss das völlig abgefahrene „Sirens“ oder der gewaltig marschierende Beat von „Liberated“, auf welchem die drei schier unaufhaltsam über alles und jeden hinweg stampfen, der sich ihnen zu lange in den Weg stellt. Das man aber durchaus auch in der Lage ist, radiotaugliche Ohrwürmer zu produzieren, wird spätestens bei der Gute-Laune-Nummer „John Doe“ klar.

Zu guter Letzt gibt es noch einen Ausflug in Richtung R'n'B, wobei man sich klar distanziert von eher digital gefilterten Produktionen wie von The Weeknd oder How To Dress Well und die Gesten des Genres eher analog zusammenpresst. Da ist es quasi Ehrensache, dass sie das Album mit genau dem einen Song beenden, der für ein Finale nicht nur vom Titel her am ungeeignetsten sein dürfte: "Get Started" lässt den Vorhang mit einer Mischung aus Gospel und Soul nicht einfach nur zugehen, sondern mit rasender Geschwindigkeit von der Decke fallen. Wen es jetzt noch auf seinem Sitzplatz hält, der wartet beim nächsten Mal am besten gleich vor der Tür. Oder daheim. Young Fathers dürfte es jedenfalls egal sein. File under: nicht zu fassen! (Jan Delsing, CampusFM)

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