Gonjasufi - Kowboyz & Indians
Auf dem Papier ist das Musikjahr 2010 ein gutes Jahr. Der psychologische Effekt, den in hypothetische Indizes zusammengefasste probate Namen zu bedingen vermögen, sollte man besser nicht unterschätzen. Das ist so lange kein Problem, wie Erwartungshaltungen daran nicht übermäßig kondensieren. Und in Anbetracht der gefühlt zuletzt wenig innovativen Abstrakta vormals bewährter Marken lassen die verbleibenden zehneinhalb Monate in dieser Hinsicht leider nicht ausschließlich Gutes erahnen – zumindest wenn man das Jahresende tatsächlich als harten Schnitt für periodische Vergleichbarkeit gebrauchen möchte. Die Künstler versuchen derweil, den entstandenen Raum sinnvoll auszufüllen: Da gibt es die einen, die schlicht mit retrograden Entwicklungen herumprobieren und damit gar nicht mal selten erfolgreich sind. Und es gibt die anderen, die Bestehendes bis zur Unkenntlichkeit zertrümmern, zerfetzen und verhackstücken. In dieser Liga spielt Gonjasufi mit seinem Song "Kowboyz & Indians". Allein: Man möchte ja sachlich bleiben, es ist der natürliche Impuls, mit dem Verstand auf Unordnung reagiert. Das lässt Gonjasufi aber nicht zu. Schon die Biografie, im Gesamtbild noch die unverfänglichste Komponente und für gewöhnlich fernab musikalischer Auslegung angesiedelt, lässt ausreichend viel zur Interpretation übrig, oder wenigstens verhindert sie weitgehend den sprichwörtlichen Fall des Groschens. Auch wenn man Sumach, wie sich die Person hinter dem Projekt vordem benennen ließe, gerne unterstellen würde, damit ganz zielgerecht die eigene Entmystifizierung verhindern zu wollen: Das ist einfach nicht der Fall. Man versteht das eigentlich nur, wenn man sich klarmacht, dass Gonjasufi einerseits im Ergebnis ein Reflexionsprodukt ist, andererseits aber ohne das Zutun von The Gaslamp Killer, seines Zeichens DJ und Produzent in Los Angeles, vermutlich nie entstanden oder falls doch immerhin klanglich weit weniger ausdifferenziert wäre. Überhaupt machen die Personalien die Angelegenheit erst interessant: In Warps kostenlosem Muster aus dem Album (nicht dieser Song) legierte sich Steve Ellison, der erstens in reeller verwandtschaftlicher Beziehung zu Alice Coltrane stand und zweitens seine eigenen Verwerfungen auf demselben Label als Flying Lotus kundmachte, übrigens vor gar nicht allzu langer Zeit. Das Projekt fasst nicht nur eine stimmliche Anteilnahme Gonjasufis als wechselseitige Ergänzung ein, sondern auch Shafiq Husayn, womit dann auch die letzte Brücke geschlagen wäre zu jenen Namen, die in der Musiklandschaft vergangenes Jahr für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Tatsächlich ist man, wenn das von Bitcrushern und Cutoffs durchsetzte "Kowboyz & Indians" zu wirken beginnt, für den Bruchteil einer Sekunde versucht, die Legitimation zu hinterfragen – nur um dann fast betreten festzustellen, dass sich das ja bei jeder Kunstform schon im Grundsatz verbietet. Dem Musikjahr kann das alles außerdem nur zugute kommen. Jedenfalls wenn man es etwas umdefiniert. (Stephan Kleiber) Künstler: Gonjasufi | Label: Warp

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KW 10/2003 Joe Jackson Band Bright Grey siehe Text
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