Torres - Honey
Böser Junge. Seelische Wunde. Verzweiflung. Die Frage nach dem „Warum?“ schwebt wie ein Damokles-Schwert über „Honey“ und fährt mitten im Herz nieder. Denn „Honey“ ist nicht da, dabei würde sich Mackenzie Scott alias Torres nichts sehnlicher wünschen. So bleibt ihr, wie vielen anderen zuvor, nichts anderes übrig, als ihren Schmerz in einen Song zu hüllen und damit die These zu bestätigen, dass aus Leid immer noch die beste Kunst entsteht.

Torres leidet und ihre Gitarre leidet mit. Was mit verhalltem Gitarrenfeedback und kratzbürstigem Fingerpicking beginnt, steigert sich langsam, aber stetig, ohne letztlich die erlösende Katharsis zu erleben. Torres bleibt fast atemlos zurück, ihre Stimme klingt zum Ende hin noch belegter und spröder als zuvor. Aber genau das scheint auch ihr Markenzeichen zu sein: Die Dringlichkeit und Intensität, mit der ihre Stimme berührt und Reminiszenzen an eine Garde weiblicher Songwriter heraufbeschwört, die immer weniger das musikalische Bild unserer Zeit bestimmen: Patti Smith, EMA, PJ Harvey oder Scout Niblett.

Es ist jene Qualität des Klassischen, die Torres auszeichnet und für diese Rubrik prädestiniert. Gerade auch, weil die Themen bleiben, wenn die Interpreten längst verblichen sind. Entblößung, Erinnerung und Enttäuschung – Torres singt und windet sich verletzt ganz ohne Manierismen und vorlautes Rockröhrentum. Vielleicht klingt „Honey“ daher auch geerdeter und authentischer als vieles, was da draußen um emotionalen Beistand buhlt. Bei Torres bleiben eben echte Narben zurück. (mw)

PS: Das Album der 23jährigen aus Nashville erscheint vorerst nur via US-Import.

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