
Es fing damit an, dass Rauschen zu etwas wurde, dem man nicht mehr mit allen Mitteln auszuweichen versuchte. Das man, so die Überlegung, auch für sich arbeiten lassen könnte, lange nachdem das, was man heute gemeinhin als Experimental bezeichnen würde, die in möglichst kaputten Klängen aufgehenden Spielweisen amerikanischer Stromgitarren ausgereizt hatte. Praktisch jedes Genre hatte mal solche Ausläufer, weswegen die Bezeichnung kontextuell auch eher zum musikalischen Präfix verkam. Mit produktionstechnischen Unzulänglichkeiten darf man das nicht verwechseln, ebenso wenig wie mit der an sich achtbaren Haltung, aus der Not eine Tugend machen zu wollen. Besagte Versuche zeichneten sich ja gerade dadurch aus, dass sich die neu geschaffenen Sounds, wenngleich sie ungewohnt waren, deutlich von Artefakten unterschieden. Entstehen konnte das erst, als gute Produktion auch mit Hausmitteln keine größeren Probleme mehr mit sich brachte.
Seit neuestem ist das Stilmittel ausgereizt, die perfekte Balance zwischen Rauschen und Klingen scheinbar gefunden. Das jedenfalls ist der Eindruck, den Gobble Gobble nach erstem konzentriertem Hören hinterlässt. Inhaltliche Wertigkeit steht bei dem kanadischen Projekt eher hintenan, zumal in dieser Hinsicht der Titel „Eat Sun, Son“ zur kompletten Nebensache verkommt. Was zählt ist die klangliche Ausgestaltung, die es – wenn man so will – in einem einzigen Song mit dem umgekehrten Weg dessen versucht, was seine musikalischen Vorbilder in einer ganzen Dekade erst langsam etabliert haben: Aus anfänglicher Komplexität formiert sich fast beiläufig eine bemerkenswerte Eingängigkeit, was jedoch dem Titel keineswegs seine anfängliche Energie nimmt, sondern ihm eher eine überraschende Zugänglichkeit verleiht. Das darf als Qualitätsmerkmal gelten in einer Zeit, in der sich mit den richtigen Instrumenten beliebige Klänge praktisch auf Knopfdruck erzeugen lassen, von der Vielschichtigkeit guten Sounddesigns einmal abgesehen.
Apropos Vielschichtigkeit: Alles, was mit Gobble Gobble zu tun hat, ist grundsätzlich Farbsättigung am Anschlag, und das nicht nur im übertragenden Sinn. Insofern, und auch das deutet auf eine längerfristige Daseinsberechtigung am musikalischen Horizont hin, ist die stilistische Ausgestaltung des Projektes wenigstens konsequent. Bei jemandem, der konkrete Vorstellungen von wie auch immer geartetem Design im modernen Sinn zu seinem Meinungsbild zählen kann, mag das nicht unbedingt auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen. Es stellt aber einen Zustand in Aussicht, mit dem in der Popkultur lange niemand mehr gerechnet hat: plötzlich stehen, Klangexperimente hin oder her, musikalische Komponenten wieder im Vordergrund – ohne dass man genanntes Rauschen daraus verbannen müsste. Schön, dass es friedliche Koexistenzen noch gibt. (Stephan Kleiber)
Künstler: Gobble Gobble | Song: Eat Sun, Son
RÜCKSCHAU
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| WOCHE | Künstler/Band | NAME DES ALBUMS/SONGS | MUSIKLABEL |
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| KW 11/2024 | Thérèse | No Right Time | X-Ray Production |
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| KW 51/2023 | Francis | taxilicht | Raposa |
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