Cover: serpentwithfeet - Flickering

Man kann die Musik von Josiah Wise grauenvoll finden, so pathetisch und fast salbungsvoll zelebriert er seine musikalische Messe auf seinen bedächtigen Neo-Gospel-Songs. Reduziert auf seine soulige Stimme, begleitet von einem verhallten Klavier, das ebenso gut durch eine Orgel ersetzt werden könnte, es liegt eine eiskalte Einsamkeit in dieser Szenerie, die Nick Drake nicht besser hätte arrangieren können. „Flickering“, das ist ebenso eine spirituelle Weise wie eine akrobatische Stimmübung, die Wise als ehemaliger Opernsänger mit Leichtigkeit absolviert.

Serpentwithfeet ist ein Projekt, was aus der Not geboren wurde und sich aus Unzugehörigkeit speist: Als queerer Künstler ist er gleichzeitig von den Konzepten der christlichen Religionen, mit denen er im streng katholischen Elternhaus aufgewachsen ist, fasziniert und abgestoßen und so überführt er diesen Spannungsmoment in seine eigenen Songs, die eben eine ganz eigene Art von Andächtigkeit und seelischer Balance ausstrahlen, ohne textlich explizit missionarisch wirken zu wollen. Die Ästhetik des Gospels interpretiert er als romantisch und bisweilen erotisch – die Stimme ist dabei Medium des Selbstausdrucks und der Kommunikation zum Inneren des Gegenübers, eine Art direkter, berührender Impuls ins Stimmungszentrum derjenigen, die seinen Songs lauschen.

Auch das Instrumentarium kirchlicher Messen – Harfen, Handclaps und Tasteninstrumente -  adaptiert er für sich und bricht so ästhetische Kulturgrenzen auf. Wer mag, darf dies als Akt der Besetzung vorgegebener Symboliken interpretieren, oder eben als Zeichen der Universalität und Befreiung eben jener. Bei serpentwithfeet sind christliche Töne ihrem Ursprungskontext entnommen und fungieren als übergreifend spirituelles Machwerk einer Punk/Queer-Kultur, deren musikalischen Code der Künstler zu erweitern versucht.

Das Ergebnis ist eine EP voller traditioneller Klänge, einverleibt in einen Künstler mit Kahlkopf und Septum, was natürlich als Selbstausdruck nur allzu plakativ wirkt. Das Konzept geht auf: Alle können in den universalen, fast mythischen Geschichten ihre eigene wiederfinden und selbst Atheisten dürfen sich guten Gewissens an den intimen Gospelklängen erfreuen, deren Musikalität nur noch als Hülle dient. Dass diese so berührend wirkt, ist nicht zuletzt The Haxan Cloak zu verdanken, diesem Ambient- und Drone-Musiker, der zuletzt mit ANOHNI und Björk zusammenarbeitete und es schafft, durch Zurückhaltung und Fokussierung die Songs rund zu schleifen und ihnen mit einem aktuellen Anstrich dennoch eine Zeitlosigkeit zu verpassen, die nachwirkt. Nur unmerklich sind leicht Synthie-Flächen eingeflochten, jeglicher unnötigen Dramatik entbehrend und so das Wesentliche darbietend: Man kann die Musik von Josiah Wise auch ganz wundervoll finden. (mw)

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KW 10/2004 Firewater Dark Days Indeed siehe Text
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KW 48/2011 Breton Edward The Confessor siehe Text