The Wombats - Fix Yourself, Not The World

Weltschmerz ist eine Depression, bei der das Subjekt die Unzulänglichkeit der Welt bedauert und sich in Angesicht dessen in Apathie und Pessimismus suhlt und die Augen vor der Realität verschließt. In ihrem neuen Album Fix Yourself, Not the World parieren The Wombats den Corona-Weltschmerz mit zwölf musikalischen Dolchstößen, die zur Selbstreflexion aufrufen. Und ganz nebenbei zeigt sich die dreiköpfige Garde um US-Frontsänger Matthew Murphy ideenreicher und experimentierfreudiger als je zuvor. Fix Yourself, Not the World ist aber auch aus einem anderen Grund absolut einzigartig:

It will always stand out for us in our memories from all other albums as we recorded it across three cities during lockdown, and we weren’t all in the same room at the time“,

bringt es Schlagzeuger Dan Haggis auf den Punkt. Die Pandemie eint uns alle: Von Los Angeles, über Oslo und London geisterten die musikalischen Fragmente des neuen Wombats-Albums genauso durch die Zoomkonferenzen, wie BWL-Justus Vorträge zum Rechnungswesen. Allerdings merkt man von dieser räumlichen Separation beim Anhören des musikalischen Endergebnisses herzlich wenig.

Im Vergleich zum Vorgängeralbum Beautiful People Will Ruin Your Life wird sich genretechnisch und instrumental weiter aus dem Fenster gelehnt: Blechbläserbesetzungen bei Songs wie Ready for the High oder Worry bringen Scarpunk-Anwandlungen mit, während die tiefen Frequenzen bei Work is Easy, Life is Hard klingen, als ob die jungen Rise Against aus Revolution per Minute Bassist Tord Overland Knudsen dämonisch ins Ohr geflüstert hätten.

Generell ist der Bass im gesamten Album viel tragender als von den Wombats gewohnt. Deshalb gilt hier die klare Hörempfehlung über vernünftige Kopfhörer oder Boxen, die nicht nur hochfrequent abliefern. Besonders im Chorus von Ready for the High und in Wildfire verleiht die Dominanz der tiefen Frequenz dem sonst eher fließenden Wombats-Sound eine neuartige groovige Coolness, die man sonst eher von den Arctic Monkeys erwarten würde. Am hervorstechendsten in Sachen Soundadaption ist aber wohl der Verse im Track If you ever Leave Im Coming with You, dessen Gitarreneinwürfe und Vocals sich anhören, als ob Strokes-Sänger Julian Casablancas sich versehentlich ins Wombats-Zoom-Meeting gewählt hätte.

Der Song eines Lyrischen Ichs, dass sich selbst aufgibt und sich aus Angst vor Einsamkeit in fast ekelhafter Selbstaufgabe kriecherisch in seine Beziehung stürzt, ist noch dazu textlich mit Zeilen wie „Throw a banquet in a moshpit“ oder „don‘t wanna be talking to myself in a supermarket“ der vielleicht Markanteste des gesamten Albums.

Insgesamt ist Fix Yourself, Not the World sicher empfehlenswert, besonders für experimentierfreudigere Hörer:innen, denen der Vorgänger „Beautiful People Will Ruin Your Life“ zu clean und poppig war. Auch die noch ausstehende Live-Performance mit umfangreicher Instrumentierung birgt großes Potenzial.

 

David Sander, eldoradio*

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