Cover: Von Wegen Lisbeth - Grande

Öfter mal was Neues machen: "Schmeiß doch dein Studium oder werd endlich fett", Von Wegen Lisbeth sparen auf ihrem Debüt nicht mit irritierender Lyrik zu unaufdringlichen Rhythmen und eingängigen Melodien. Was auf den ersten Blick poppig anschmiegsam ist, wird auf's zweite Hören anspruchsvoll.

Als AnnenMayKantereit-Support erspielen sich Von Wegen Lisbeth quer durch das Land die erste fette Fanbase. Gleichzeitig dürfte es gar nicht so leicht sein, sich als deutschsprachige Pop-Band mit Studi-Zielgruppe von diesen Headlinern abzugrenzen. Die Schnittmenge ist klar. Der Unterschied liegt im Detail. Während Annenmaykantereit mit überkitschter Wortwahl und möglichst reduzierter Instrumentierung rabiat an unsere Herzen greifen wollen, sind Von Wegen Lisbeth gut im Augenzwinkern. Zwischen klassischem Nachts-Durch-Berlin-Streifen und wasted in der Ecke hängen, kritisiert die Band unsere neue Versessenheit auf Tinder , rasante Biografien in Richtung Erfolg (Chérie) und die Unglaubwürdigkeit des Latte-Macchiato-Lebensstils auf Instagramm (Sushi).

Musikalisch gehen Von Wegen Lisbeth auch trotz einiger trendiger Songs im Wanda-Walzer-Takt stark voran: Steeldrum, Elektrische Harfe und Background-Vocals, die wie auf Drüben bei Penny fast zu Field-Recordings verschwimmen. Gerade weil alles auf den ersten Blick so berechenbar wirkt, überrascht diese Instrumentierung und findet ihren Höhepunkt im von Filtern durchzogenen Freigetränke. Dieser letzte Song auf der Platte verwebt dreieinhalb Minuten lang Nonsense-Zeilen zum Stimmungsbild einer unangenehmen Promi-Party.

Die Genese dieses kreativen Zugangs zum Pop dürfte in der Biografie der Band liegen. Matze und Jules machen Musik zusammen, seit die Klassenfahrt in der siebten ins Wasser fiel und die zwei sich alternative Beschäftigungen suchen mussten. Halbtote Gitarre und gerade noch ächzender Drum-Computer aus dem heimischen Keller waren die Basis für das, was 2012 mit drei weiteren Mitgliedern zu Von Wegen Lisbeth wurde. Und das ist ja nun auch schon vier Jahre her. Vier Jahre in denen die Berliner Band sich ausprobiert, an Sounds geftrickelt und ein rundes Debüt-Album mit Tiefgang geschaffen hat.

(Nele Posthausen | eldoradio*)

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