Tocotronic - Das rote Album

Auf der zweiten Hälfte des letzten Tocotronic-Albums "Wie wir leben wollen" tauchte Dandy Dirk von Lowtzow 2013 mitunter in die Meereswelt ab und entdeckte im Song "Neue Zonen" die Gattung der "Plüschophilen", deren Triebstruktur vor allem "weiche Ziele" verfolgt. Eine Ästhetik des Fließens und der Zerbrechlichkeit, die einerseits als Statement gegen die Tendenzen des zeitgenössisch plumpen Männerkumpelrocks galt, aber auch möglicher Vorbote für das elfte Studioalbum sein könnte. Zu dessen Beginn findet man sich nämlich orientierungslos in einer Küstenstadt wieder, neben "Muscheln und Schalentieren", wie es im "Prolog" heißt. Der Hang zu Alben-übergreifenden Motiven und einer enigmatischen Stilistik war dem Quartett aus der Hansestadt noch nie fremd. Nun ist man nicht nur am Grund des Swimming Pools angelangt, sondern sogar am Meeresgrund, den auch schon Chanson-Sängerin Ingrid Caven in ihrem Stück „Die großen weißen Vögel“ besang, das die Band häufig nach Konzertende abspielen lässt. Der Meeresgrund ist sinnbildlich in erster Linie aber Anfang und Ort der tiefsten Tiefe. Und dort entdecken Tocotronic nichts Geringeres als die Liebe. Obwohl Lowtzow und Co. eine Schwäche für die knuddeligen Monchichis haben, funktioniert der neueste Streich ganz unaufdringlich ohne Kuschelrock-Sentimentalitäten.

Wer hätte das Oberthema Liebe aber bei einer Band erwartet, deren vor zwanzig Jahren erschienenes Debüt mit den Zeilen "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse" begann. "Wir sind die Gruppe Tocotronic und wir spielen für euch Lieder von Liebe und Hass", lautete etwa 2012 noch eine Konzertbegrüßung. Liebe und Hass waren bei diesem Quartett schon immer dialektisch ineinander verschränkt. Doch auf Studioalbum Nummer 11 für das erneut Moses Schneider als Produzent verpflichtet wurde, gibt es nun doch ein Primat. 1:1 ist jetzt vorbei. Tatsache, es steht 5:1 für das Wort "Liebe", denn das favorisierte four letter word "Hass" taucht insgesamt rund viermal

 weniger auf. Und zwar nur im programmatischen Opener. "Du lerntest deinen Hass zu tanzen, in der Schule der Extravaganzen", singt da ein milde gesinnter von Lowtzow, der weniger bissig als sonst klingt und weitere Charakteristika jener plüschophilen Spezies aufzählt, die "Löcher unter der Haut" hat und wie  SpongeBob (So u.a. ein Vergleich aus der Netzgemeinde) "aus Schwamm gebaut" zu sein scheint, dessen Erfinder übrigens auch als Meeresbiologe arbeitet. Eventuell aber auch ironische Kommentierung der eigenen Biographie, denn Tocotronic saugen nicht nur schwammartig Zitate aus Literatur und Pop auf,  sondern zählen neben Blumfeld und den Sternen zu den Standardwerken der sogenannten Hamburger "Schule", die sich begrifflich hierzulande auch als Diskurspop etabliert hat. Dass die referentielle Spurensuche, über die man tatsächlich eine „Diplomarbeit“ schreiben könnte,  erneut wieder in Quellen der Hoch- als auch Unterhaltungskultur mündet, war bei einer Band zu erwarten, die in einem Stück Cherry Cola und von Eschenbachs Parzival mischt („Zucker“).

 

Zur Sache: Dass Tocotronic sich selbst beim Thema Liebe nicht in Floskeln oder Kitsch verirren, ist der Platte, deren Cover ein "tiefes Rot" zeigt, hoch anzurechnen, die genau genommen gar keinen offiziell finalen Titel trägt und an einem Tag erscheint, an dem Plattenläden gar nicht aufhaben. Weil Menschen ihren Herzblättern Maibäume stellen oder den internationalen Tag der Arbeiterbewegung zelebrieren. Ein historisches Datum im doppelten Sinne. Die Weichen sind gestellt, eine eindeutig mehrdeutige Platte ist garantiert. Und die klingt vor allem produktionstechnisch poppiger denn je, auch wenn trotz Filterung des Candy Bomber Studio-Sounds die Punkwurzeln nicht ganz abgestreift wurden. Vor allem die Single "Die Erwachsenen" präsentiert mit ihren Synthies eine neue Zärtlichkeit , die die Verstärker-Befürworter der Fanschaft bestimmt nicht erfreuen wird. Auch hier geht es um den Anfang, das Unfeste. Erzählt wird aus der Perspektive von Heranwachsenden, die sich nicht erziehen lassen und den Konventionen der Erwachsenenwelt nicht erliegen wollen: "Wir sind Babies, wir spucken ihnen ins Gesicht" haucht von Lowtzow (im Video leicht ergraut fast das Gegenbild zu einer Zungenkuss-Selfie-Tristesse-Pubertät-Peergroup) im Refrain wunderbar naiv und grazil. Unvermittelt denkt man an den Song "Imitationen" aus 2007, in dem man den "Leugnern ins Gesicht" gespuckt hat, die an der Vorstellung eines unveränderlichen Ichs festhielten.

Dieser Verzicht auf Beständigkeit wird längst nicht mehr als existentieller Ballast empfunden. Tocotronic haben ihre „Jungfernfahrt“ ganz „auf Sand gebaut“ und erfreuen sich mittlerweile daran, aus "Zucker" zu sein und nicht zu erhärten. Dafür spricht nicht allein die musikalische Leichtigkeit. War das lyrische Ich 1999 in den "Grenzen des guten Geschmacks 2" noch "überreizt", weil es "keine Grenzen setzen" konnte, öffnet es jetzt einfach alle: "Ich öffne mich, öffne die Grenzen für dich, wir sind mehr als zwei, the damned don´t cry" (eine Zitation des gleichnamigen Songs von Visage aus den 80´ern). So eine Zeile aus dem opulent (mit Chor-Feature) instrumentierten "Ich öffne mich", das man sowohl als Absage an geschlossene Identitäts-Konzepte rezipieren kann, wie auch als intimes Liebeslied oder gar Solidaritätsbekundung für die Flüchtlinge. Deren Situation scheint im symphonischen Stück "Solidarität" jedoch expliziter thematisiert zu werden. Wenn man den Blick auf das  tagespolitische Geschehen lenkt, wirkt von Lowtzow mit Zeilen wie „Ich weiß, dass ihr ein Schutzschild braucht, denn eure Ängste kenn ich auch / Von der Herde angestiert, mit irren Fratzen konfrontiert“ sogar ungemein präzise. Tocotronic, die Pro Asyl unterstützen, vermeiden also Pseudoromantik und Paartherapie-Gestus. Liebe klingt im Kosmos von Tocotronic zum Teil engagiert, vor allem aber facettenreich. Man verirrt sich nicht in Schmuse-Bedroompop , sondern schaut ebenso kritisch nach draußen. Liebe ist hier nicht als Stillstand, sondern als "Ereignis" gedacht.

Da kann man sowohl über unrühmliche Zeilen wie  "Alles ist so zyklisch und dennoch unveränderbar" und den leicht albernen und unspektakulären Abgang  "Date mit Dirk" inklusive Field-Recordings hinwegsehen. Denn inmitten des Dickichts an Ambiguität bieten Tocotronic quasi selbst ein Liebesmodell an: Frei- und Spielräume werden gestattet, eine tiefere Bindung muss man sich aber selbst erarbeiten. Bleibt zur Diskussion, ob so angelegte Popmusik nicht auch eine Form von Liebe sein kann. Dass diese auch bei einem so weiten und intimen Oberthema gelingt, ist nicht selbstverständlich. Vor allem, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass man über Dinge wie Sex nach früherer Bandmeinung  ja nur auf Englisch singen kann. (philipp kressmann | ct das radio)

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