Cover: Childhood - Lacuna

In letzter gibt es eine ganze Reihe britischer Bands, die nicht mehr den angestaubten Britpop- oder Garage-Idealen nachhängen und anstelle dessen andere Akzente setzen. Bands wie Wild Beasts, The Horrors oder Toy klingen zwar allesamt höchst unterschiedlich. Alle haben jedoch gemein, dass sie dem Sound von der Insel durch Rückgriffe in die Vergangenheit unter Auffrischung einiger proto-britischer Merkmale neues Leben eingehaucht haben. Sie werden nie so viel verkaufen wie die Arctic Monkeys oder die unsägliche White-Stripes-Coverband Royal Blood, doch ihnen ist es zu verdanken, dass die Musiklandschaft dort wieder bunter geworden ist.

Zu diesen Bands darf man spätestens jetzt auch Childhood zählen. Das Quartett, das ursprünglich aus Nottingham kommt und inzwischen in Süd-London zu Hause ist, werkelte augenscheinlich eine ganze Weile an ihrem Debüt herum. So wurde beispielsweise der Opener „Blue Velvet“ bereits vor zwei Jahren als Single veröffentlicht, „Solemn Skies“ immerhin schon vor einem Jahr. Gerade „Blue Velvet“, das für das Album noch etwas nachbearbeitet wurde, bildet dabei einen exzellenten Querschnitt von „Lacuna“ ab. Etwas verwaschen und in den richtigen Momenten leicht aufbrausend mit großem Hang zur Melancholie, zieht es den Hörer sofort in eine Welt irgendwo zwischen Dream Pop und Psychedelic, die gleichzeitig majestätisch und ungemein bescheiden im besten Sinne klingt.

Mit diesem kalkulierten Understatement knüpfen Childhood auch klanglich unmittelbar an die große UK-Shoegaze-Welle der späten Achtziger und frühen Neunziger Jahre an. Am stärksten ist „Lacuna“ immer dann, wenn es sich treiben lässt und seinen Platz in der Nähe von Slowdive, Ride und Spacemen 3 einnimmt. „When You Rise“ ist das perfekte Beispiel hierfür: Als letzter Track fast versteckt baut er sich nach schleppenden Beginn schließlich zu einem fiebrigen Gewitter auf, das mit seiner Intensität einen großen Bogen zurück zum Opener schlägt.

Zwischen Anfang und Ende dröseln Childhood die Ideen und Strukturen, die sie vor- und hinten angestellt haben, geschickt auf. Von der Wucht in „Solemn Skies“ bis zur Lieblichkeit in „Falls Away“ setzt die Band behutsam ein erstaunlich abwechslungsreiches Album zusammen, das immer von etwas Schwermut zusammengehalten wird. Selbst schwächere Momente wie das seltsam ratternde „Pay For Cool“ fallen da nur wenig ins Gewicht. „Lacuna“ ist gerade auf Albumlänge ein vielversprechendes, weil in sich sehr geschlossenes Debüt. Das Ganze hier und da noch ausladender zu gestalten und damit das eigene Profil weiter zu schärfen, wäre eine schöne Aufgabe für den Nachfolger. (Felix Lammert-Siepmann)

RÜCKSCHAU

KW 43/2020
The Screenshots 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee
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Blond Martini Sprite
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Moon Hooch Life on other Planets
KW 03/2020
The Big Moon Walking Like We Do
KW 51/2019
Cover Digitalism - JPEG
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ARCHIV

WOCHE Künstler/Band NAME DES ALBUMS/SONGS MUSIKLABEL
KW 43/2020 The Screenshots 2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee Musikbetrieb R.O.C.K. / Membran
KW 07/2020 Blond Martini Sprite Beton Klunker Tonträger (Rough Trade)
KW 05/2020 Moon Hooch Life on other Planets Megaforce (H'Art)
KW 03/2020 The Big Moon Walking Like We Do Fiction / Caroline International
KW 51/2019 Digitalism JPEG Magnetism
KW 41/2019 Angel Olsen All Mirrors Jagjaguwar / Cargo
KW 37/2019 IDER Emotional Education Glassnote Records
KW 31/2019 Nérija Blume Domino
KW 29/2019 Blood Orange Angel's Pulse Domino Records
KW 27/2019 Tyler The Creator Igor Columbia