Perugia: 10 Jahre nach dem Mord an Meredith Kercher

Autor: Nele Posthausen  Serie: Beiträge  Ressort: Wort Download des Audio-Beitrags (17.96 MB / 13:05 min)

Etwa 30 junge Leute quetschen sich auf den schmalen Bürgersteig vor der Bar Pinturicchio. Einige stehen einfach auf der Straße. Sie lachen, trinken Bier und Wein. Zigarettendampf sammelt sich zwischen den Körpern und kriecht in die Klamotten. Es ist Tandem-Night im Pinturicchio. Wer aus dem Ausland in die Studentenstadt Perugia kommt, soll hier echte Perugini kennen lernen. Vittoria ist gerade erst nach Perugia gekommen. Aus dem großen New Jersey. Sie hat eine kleine USA-Flagge an der Weste. Damit jeder weiß wo sie herkommt. Jetzt lebt sie hier, zwischen 170 000 Perugini. Wenn man sie fragt, was sie vorher über Perugia wusste, lacht sie:

„AMANDA KNOX!!! Alles was ich wusste, war Amanda Knox und ich habe ihren Fall wirklich über Jahre verfolgt. Aber ich wollte trotzdem herkommen. Weil es einfach eine Chance von eins zu einer Million ist, dass so etwas passiert.“ Vittoria fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat, empfindet Perugia als lebhafte Stadt, ohne große Gefahren. Allein über das Programm ERASMUS kommen mittlerweile wieder über 500 Studis pro Jahr nach Perugia. In den ersten Jahren nach dem Mordfall an Meredith Kercher war das anders. Studenten haben die Studentenstadt Perugia gemieden.

Der Mordfall bleibt mysteriös

Meredith war etwa in Vittorias Alter, als sie nach Perugia gekommen ist, gerade 21. Die Britin ist im Herbst 2007 gekommen und durfte nur bis zur Halloween-Nacht am 1. November desselben Jahres hier leben. Dann ist sie mit 47 Messerstichen in ihrem eigenen Schlafzimmer ermordet worden. Sie war nackt, wahrscheinlich vergewaltigt. War es wirklich ein Einbruch? Oder haben diesen nur ihre Mitbewohnerin, die Amerikanische Studentin Amanda Knox und ihr italienischer Freund Raffaele Sollecito vorgetäuscht? Sieben Jahre lang hat das die Italienische Justiz beschäftigt. Das Ergebnis im Jahr 2015: Zu wenige Beweise. Amanda Knox und Raffaele Sollecito werden nach zwei Revisionsverfahren freigesprochen.  In Haft bleibt ein junger Mann von der Elfenbeinküste. Rudi Guede. Er hatte vor ihrem Tod Sex mit Meredith gehabt. Unter Druck der Polizei gestand er den Mord. Auch wenn die Gutachter sagen: Alleine kann niemand diesen brutalen Mord verübt haben. Hier in Perugia hat jeder Perugino einen eigenen Hauptverdächtigen.

„Der Engel mit den Eisaugen“

Für die Medien war es vor allem Amanda Knox: „Der Engel mit den Eisaugen“ begannen sie sie zu nennen. Weil Amanda Knox hübsch ist und nicht unbedingt total betroffen gewirkt hat. Die 21-Jährige Amerikanische Austauschstudentin wurde zum skurrilen Star des Mordes. Eines Mordfalles mit verschlampten Indizien und schlechter Polizeiarbeit. Ihre Geschichte gab den Stoff her für Bücher, Filme, Dokumentationen. Das Opfer, Meredith Kercher, ist in Vergessenheit geraten. Und auch das zweite Opfer, die Stadt Perugia. „Dieser Mord bei dem junge Leute, Gewalt und Drogen im Spiel waren hat zu einem sehr schlechten Bild der Stadt beigetragen", sagt die Sprecherin der Tourismus-Behörde, Teresa Severini, heute. Und sie gesteht:" Und es war schwer, Perugia dagegen zu verteidigen.“

Im historischen Zentrum von Perugia hatten die Perugini vor dem Mordfall angefangen, ihre Wohnungen zu verkaufen und sie den Studierenden zu überlassen. Wohnungsmangel dank zu vieler Studis. Das Zentrum Perugias ist steil, verwinkelt, hat Kopfsteinpflaster. Keine Parkplätze, kaum Einkaufsmöglichkeiten. Zu beschwerlich immer auf die 500 Meter über dem Meeresspiegel hochzukommen, wenn man mit den Einkäufen von außerhalb kam. Für Studierende, die nur zu Fuß zur Uni, nach Hause und zur Kneipe wollen ideal. Alles schön nah und klein.

Mitten in der Stadt entstanden Straßen in die sich im Dunkeln niemand mehr traute

Doch dann kamen die Studierenden nicht mehr. Bars haben dichtgemacht, Straßen sind ausgestorben. 2008 dann auch noch die Finanzkrise. So konnte sich mitten im Zentrum eine der gefährlichsten Straßen der Stadt entwickeln: Die Via Della Viola. „Das hat alles schon vor mehr als 10 Jahren angefangen, aber der schlimmste Moment dieser Straße war vor 6 oder 7 Jahren“, überlegt der Makler Riccardo Maiorano in seinem Büro in der Via Della Viola. Er rückt seine knallrote Brille zurecht und spricht über die Dealer, die die Wohnungen belagert haben. „Jeden Morgen, so gegen sechs, halb sieben kam dann die Polizei und hat Razzien in den Wohnungen durchgeführt. Die Jungs haben ja abends gearbeitet. Die sind nicht vor drei im Bett gewesen. Die Polizei konnte sie mitten im Schlaf antreffen und verhaften“. Er zählt mit den Fingern: „Vier, fünf, sechs von denen auf einen Schlag.“

Die Razzien hatten Erfolg. Wenn Touristen heute durch die Via della Viola laufen, können Sie nicht glauben, dass es mal nicht die schönste Straße der Stadt gewesen sein soll. Überall hängen Bilder, sind Ateliers. Verantwortlich dafür, dass es besser läuft sind aber vor allem die Bewohner. Die Organisation Fiorivane Le Viole ist zu den Vermietern in der Via Della Viola gegangen. In längeren Gesprächen konnten sie diese überzeugen, die Leerstände für eine Weile zu verschenken: An Künstler, die hier ihre Ateliers eröffnen können.

In der Via Della Viola sitzen heute nachts junge Mädchen am Fenster, trinken Wein, beobachten das Treiben. Sehen torkelnden jungen Leuten auf hohen Hacken zu, wie sie aus dem Zentrum Richtung Bett wanken. Ruhig ist es hier nie, aber der leichte Dauerlärm unterstreicht auch ein wenig das Gefühl von Sicherheit. Du bist in Perugia einfach nie allein.

03.11.2017 |
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