Interview: Thomas Golubić

Welche Mucke landet eigentlich in Breaking Bad? Welche in The Walking Dead? Na, die Mucke, die ER hier aussucht: Thomas Golubić. Er hat eng mit Produzent Vince Gilligan zusammengearbeitet und ist sogenannter Music Supervisor für unter anderem diese Serien, aber auch Better Call Saul oder Six Feet Under. Sein Job ist es, für bestimmte Szenen die passende Musik rauszusuchen. eldoradio*-Reporter Kai Brands hat ihn im Rahmen des SPOT Festivals in Aarhus in Dänemark zum Interview getroffen und sich mit ihm über seinen ungewöhnlichen Beruf unterhalten:

„Als Campusradio aus Deutschland müssen wir natürlich erst einmal fragen: Deine Mutter kommt aus Deutschland…

(auf Deutsch) …ja, sollen wir auf Deutsch reden?

Kannst Du denn noch Deutsch?

Ein bisschen. Es geht so. Leider ist mein Deutsch von 1976. Es ist also ein bisschen schlecht, ein bisschen langsam.

Das war doch schon gut!

Danke, sehr nett.

(wieder auf Englisch) Wenn wir den Beruf einmal herunterbrechen, muss der Music Supervisor, wie Du einer bist, die richtigen Songs für die richtigen Stellen in einer Fernsehserie oder einem Film auswählen. Wie würdest Du Deinen Job beschreiben?

Ich denke, da steckt ein bisschen mehr dahinter. Mein Job als Head of Music Department für einen Film, eine Fernsehserie, ein Videospiel oder irgendein Medien-Projekt ist es, mit den kreativen Menschen zusammenzuarbeiten, die die Projekte erschaffen haben, ihnen die Optionen aufzuzeigen, wie Musik fürs Storytelling genutzt werden kann, die Leute mit den nötigen Mitteln auszustatten, die an der Vision mitgearbeitet haben und die Musik zu lizensieren, die für die Projekte genutzt werden und ihnen Optionen all dieser Elemente zu geben und dann diese Vision Realität werden zu lassen: durch die Lizensierungs- und Geschäftsentwicklung. Und dann müssen Music Supervisor das bis zum Schluss beim Mixing überwachen und dann beenden wir das Projekt.

Hältst Du Dich für einen Künstler?

Ich glaube, ich bezeichne mich letztendlich als einen Handwerker, der versucht der Arbeit Kunst einzuimpfen. Ich denke, einen Sinn für Kunst zu haben, ist da schon wertvoll. Aber ich glaube, wenn du dich in erste Linie als Künstler und nicht als Handwerker verstehst, vergisst du, dass du letztendlich der Vision von anderen zuarbeitest. Und es ist dein Job, sich dem Verständnis derer Vision anzupassen und nicht deiner eigenen. Man arbeitet zusammen. Also ich denke, ein Handwerker zu sein ist das Kernstück und du versuchst der Arbeit so viel Kunst wie möglich einzuimpfen.

Wie kamst Du selbst dahin, wo Du jetzt bist. Wie wurdest Du Music Supervisor?

Ich habe beim Radio gearbeitet. Ich war bei KCRW in Los Angeles. Und ich hatte dann die Möglichkeit, in der A&R-Branche zu arbeiten und ich merkte, dass ich bei diesem Versuch wahrscheinlich nicht wirklich erfolgreich werden würde. Also habe ich mich nach anderen Möglichkeiten umgeschaut und da hat mir jemand vorgeschlagen, ich solle mir doch Mal den Bereich Music Supervision angucken. Ich wusste überhaupt nicht, was das für ein Job war. Also habe ich ein bisschen recherchiert und fand heraus: Oh, das ist die Person, die dabei hilft, die Musik für Fernsehserien und Filme zusammenzusuchen. Ich habe dann als Praktikant für G. Marq Roswell (u.a. Music Supervsior für Dawn of The Dead Anm. d. Red.). Ich habe von ihm etwa anderthalb Jahre gelernt und dann habe ich mich selbständig gemacht und von da an weiter dazu gelernt.

Was sind die Schritte, die man machen muss, wenn man zum Beispiel als Student Music Supervisor werden möchte?

Der allererste Punkt ist: wenn du etwas liebst, musst du es einfach machen. Und manchmal bedeutet das, klein anzufangen, lokal anzufangen. Wenn du zum Beispiel in Dortmund wohnst, – ich vermute Mal, dass da irgendwo eine Filmschule in Dortmund ist – dann gehst du zu einer Vorführung der Kurzfilme, die da gezeigt werden. Du siehst vielleicht 10 Filme und eventuell spricht dich einer der Filme an. Und dann sprichst du die Person dahinter an: „Ich würde bei deinem nächsten Projekt gerne Music Supervisor sein. Ich möchte dir gerne helfen. Wärst du daran interessiert, mit mir zusammenzuarbeiten?“ Und die sagen dann vielleicht: „Ich habe aber keine Kohle.“ Und dann sagst du: „Kein Problem! Ich finde einen Weg. Wir bekommen das zusammen schon hin, aber ich würde gerne eine Beziehung aufbauen und einen Weg finden, mit dir zu arbeiten. Mir gefällt, was du da machst.“ So leicht kann’s gehen. Also ich denke, Ziel ist es, die Möglichkeit zu finden, sich zu präsentieren. Sei ehrlich mit dem, was du kannst. Oft ist es so, wenn man auf jemanden zugeht, der auch gerade erst angefangen hat, kann man etwa sagen: „Ich kann dir helfen, diese Ideen zu entwickeln und werde dabei lernen. Du wirst nicht viel dafür zahlen, aber ich lerne, du lernst und wir können hoffentlich eine Beziehung aufbauen, die lange halten wird.“

Kannst Du noch Filme oder Serien genießen, ohne zu denken: „Ach, du Scheiße! Die Musik war ja total grandios!“ oder „Die Musik ging ja gar nicht! Warum hat er das denn gewählt?!“. Kannst Du das?

Im Großen und Ganzen, glaube ich schon, dass ich das noch genießen kann. Ich denke, es ist ein bisschen tricky. Sobald man die Innenansicht von etwas hat, wie wenn man beim Radio arbeitet und dann einen DJ hört, der diese offensichtlichen Fehler macht, der abgelesen spricht oder zu viel von sich selbst redet oder was auch immer… sobald man solche Fehler hört, muss man das ein bisschen verdrängen und darauf achten, was dieser DJ denn dann immerhin für Musik spielt. Und wenn er interessante Musik spielt, kann man ja das Radio etwas leiser drehen, wenn er wieder ans Mikro geht. Also zu einem gewissen Grad, wenn ich einen Film richtig mag, aber die Music Supervision grauenhaft ist, wünsche ich mir vielleicht, dass die Musik-Auswahl besser wäre. Aber ich versuche sehr, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Und ich glaube, egal welches Projekt ich mir angucke, versuche ich, es mir erst einfach so als Story anzugucken. Und beim zweiten Mal gehe ich es noch einmal durch und analysiere es mehr auf einem Mikrolevel.

Wo bekommst Du die Musik her?

Die Musik kommt überall her. Das ist die echte und ehrliche Antwort. Sei es durchs Durchsuchen von Blogs, von jemandem, der mich kontaktiert, Lizensierungs-Firmen, vom Radio. Oder auch aus einem Restaurant, in dem ich sitze, etwas höre und das interessant finde. Dann benutze ich Shazam, um herauszufinden, was es ist. Die Musik kommt überall her. Das ist das wundervolle an Musik. Sie ist einfach überall, wo man Inspiration findet.  Manchmal kommt die Musik daher, dass man sich eine Band in einem anderen Land anschaut, an einem Abend, an dem man genauso gut mit anderen hätte essen gehen können. Aber stattdessen hat man eine Band gesehen, die außerordentlich war. Man weiß nie, wo die Musik herkommt. Ich denke, der Hauptunkt ist es, ein smarter Filter zu sein, genau hinzuhören und die Momente festzuhalten, in denen dich etwas echt umhaut.

In einer Szene in Breaking Bad hast Du einen Song von TV On The Radio ausgewählt. Hast Du die Möglichkeit, die Länge der Visuals zu ändern oder ist Dir die Zeit vorgegeben und Du musst für diese Zeitspanne die passende Musik finden?

Nein, normalerweise gibt das Bild die Bedingungen vor. Es ist wie bei Tanzpartnern: es gibt immer jemanden, der führt. Und das ist das Bild. Gelegentlich finden wir möglicherweise einen Song, den wir wirklich mögen und der Editor passt das Bild möglicherweise noch daran an. Aber das kommt selten vor. Normalerweise arbeiten wir mit abgeschlossenem Bildmaterial. Das bedeutet, wir müssen die Musik an das Bild anpassen. Es gibt zwei verschiedene Dinge, die angepasst werden können: Bild und Musik. Und Musik-Editoren, gute Musik-Editoren - und ich arbeite mit fantastischen zusammen – finden Wege, die Schnitte unsichtbar zu machen. Man nimmt sie nicht wirklich war, obwohl sie da sind. Es kann manchmal unglaublich schwierig sein. Wenn man – bitte entschuldige den Ausdruck – „Frame fucking“ betreibt, dann fügt man so klitzekleine Dinge hinzu, um den Platz zu bekommen, damit die Musik reinpasst und es irgendwie funktioniert. Aber das ist eine technische Fähigkeit, die ein guter Musik-Editor draufhat. Aber grundsätzlich müssen wir uns nach dem Bild richten.

Hattest Du manchmal die Situation, in der du dachtest, Stille wäre besser für eine Szene und gesagt hast, dass Musik da unangemessen wäre und man sie lieber draußen lassen sollte?

Absolut. Ich denke, dass es oft einen sehr großen Teil der Music Supervision ausmacht, die Möglichkeit zu haben, Stille als eine der Farben zu nutzen, die man in der Farbpalette hat. Ich denke, es ist ein Fehler, zu glauben, dass Musik immer hilft. Häufig lenkt sie ab. Also die besseren Music Supervisor sind sehr sorgfältig darin, Musik zu benutzen. In Better Call Saul und Breaking Bad neigen wir dazu, sehr minimalistisch und gezielt mit Musik umzugehen. Wir benutzen es nie für ihren eigenen Zweck. Wir sagen immer, es muss einen Grund für sie geben und sie muss informieren, erweitern und wichtige Infos zu einer Szene oder Sequenz hinzufügen. Wenn wir nicht wissen, was sie bewirkt, benutzen wir sie nicht. Also Stille ist genauso eine Farbe, mit der man malt, wie jede andere auch."

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